Fiat 600e im Supertest: Stadtheld mit kurzem Atem

EV-Supertest-Wertung

Gesamtwertung

47,5 % 2,85 / 6

Preis/Leistung

3,0 / 6

Separate Kennzahl, nicht im Ranking.

Der Fiat 600e macht in der Stadt vieles richtig: Er federt für seine Klasse angenehm, verbraucht realistisch, sieht sympathisch aus und lässt sich unkompliziert bewegen. Sobald ihr die Stadtgrenze verlasst, zeigt er aber ehrlich seine Grenzen — die Reichweite schrumpft auf der Autobahn schnell, eine Vorkonditionierung für den Ladestopp fehlt, und einen Anhänger darf er gar nicht ziehen. Innen gefällt das Design, das durchgehende Hartplastik und der enge Fond gehören zur Wahrheit dazu. Nach dem deutlichen Preisrutsch stimmt das Verhältnis von Preis und Gebotenem inzwischen. Unser Rat: Wenn euer Alltag überwiegend kurz ist, bekommt ihr hier ein stimmiges Paket — plant ihr regelmäßig lange Fahrten, wird der 600e euch schneller ausbremsen, als euch lieb ist.

Pro

  • Komfortabel abgestimmtes Fahrwerk, auf Landstraße und Autobahn angenehm ruhig
  • Kompakte Außenmaße und erhöhte Sitzposition — im Stadtverkehr sehr handlich
  • Realistischer Verbrauch von 18,2 kWh je 100 Kilometer inklusive Ladeverlusten
  • Gut gefüllte Ladekurve: 10 auf 80 Prozent in 29 Minuten
  • Umfangreiche Assistenzsysteme in den höheren Ausstattungslinien

Contra

  • Reichweite auf der Autobahn nur rund 200 bis 230 Kilometer
  • Keine Batterie-Vorkonditionierung und keine aktive Ladestopp-Planung
  • Kein Anhängerbetrieb zugelassen — auch kein Fahrradträger auf der Kupplung
  • Beengter Fond, hohe Ladekante, kein Frunk und kaum Ablagen hinten
  • Innen durchgehend harte Kunststoffe, Lenkung sehr leichtgängig und rückmeldungsarm

Der Fiat 600e ist der große Bruder des 500e: gleiche Knuffigkeit, aber fünf Türen, erhöhte Sitzposition und Platz für fünf. Unter dem italienischen Blech steckt Stellantis-Großserientechnik, die ihr auch aus Jeep Avenger, Opel Mokka Electric und Alfa Romeo Junior kennt. Wir haben zusammengetragen, was unabhängige Messungen und Fahrtests über ihn sagen. Die Kurzfassung: ein überzeugender Stadtwagen, der auf der Langstrecke früh an seine Grenzen stößt — seit dem kräftigen Preisrutsch aber ganz anders dasteht als zum Marktstart.

Bildergalerie

Fiat 600e Aussenansicht
Fiat 600e Seitenansicht

Technische Daten

Marktstart 2023
Basispreis 31.490 €
Nutzbare Batterie 51 kWh
Realverbrauch 18,2 kWh/100 km
Verbrauch WLTP 15,1 kWh/100 km
Reale Reichweite 315 km
Ladeleistung (Peak) 100 kW
Ladezeit 10–80 % 29 min
0–100 km/h 9 s
Höchstgeschwindigkeit 150 km/h
Kofferraum 360 l
Frunk 0 l
Sitzplätze 5 Sitze
Anhängelast nicht zugelassen
Wendekreis 11,3 m
Maße (L×B) 4.178 × 1.779 mm
Antrieb Frontantrieb

Reichweite & Verbrauch: ehrlich, aber ohne Reserven

Im standardisierten ADAC Ecotest genehmigte sich der 600e 18,2 kWh auf 100 Kilometer. Wichtig für die Einordnung: In diesem Wert stecken auch die Verluste beim Laden an der Wallbox mit drin — was ihr also wirklich aus der Steckdose zieht. Für eine volle Batterie sind entsprechend rund 57,5 kWh nötig, obwohl netto nur 51 kWh im Auto ankommen. Der Werksangabe von 15,1 kWh kommt ihr im Alltag also nicht nahe — das liegt aber weniger am Fiat als an der Rechenweise.

Aufgeschlüsselt zeigt sich das typische Bild eines kleinen Stromers: Innerorts sind es etwa 14 kWh, außerorts rund 19, auf der Autobahn schon etwa 22 kWh auf 100 Kilometer. Die Stadt ist eindeutig sein Revier. Andere Messungen bestätigen die Größenordnung — auto motor und sport kam im Test auf 17,9 kWh, die Realwertdatenbank EV-Database auf ein praktisch deckungsgleiches Niveau.

Daraus ergibt sich im gemischten Ecotest-Profil eine Reichweite von rund 315 Kilometern. Bei sommerlichen Temperaturen, viel Stadtverkehr und zurückhaltender Fahrweise bis 100 km/h sind laut ADAC auch etwa 380 Kilometer drin. Die Kehrseite kommt schneller, als euch lieb ist: Wer zügig auf der Autobahn unterwegs ist, steht schon nach 200 bis 230 Kilometern wieder an der Säule, im Winter eher am unteren Ende dieser Spanne. Für Pendelstrecken und den Alltag reicht das locker, für die Urlaubsfahrt wird es zäh.

Laden & Reisetauglichkeit: solide Technik, kleiner Tank

Am Schnelllader zieht der 600e bis zu 100 kW — kein Spitzenwert, im Segment der kleinen Elektro-SUV aber durchaus üblich. Der ADAC maß für den Sprung von 10 auf 80 Prozent 29 Minuten bei einer durchschnittlichen Ladeleistung von knapp 82 kW. Das ist eine ordentlich gefüllte Ladekurve ohne frühen Einbruch. In zehn Minuten kommen so etwa 86 Kilometer Reichweite zurück, in einer halben Stunde rund 228.

Der Haken liegt woanders: Es fehlt eine Vorkonditionierung der Batterie. Kommt ihr im Winter mit kaltem Akku an die Säule, dauert es spürbar länger. Auch eine Routenplanung, die Ladestopps selbstständig einplant, bietet das Navigationssystem nicht — wer Langstrecke fährt, plant mit dem Smartphone nebenher. Zu Hause lädt der 600e dreiphasig mit 11 kW und ist so in gut fünfeinhalb Stunden wieder voll.

Ein Punkt, den viele erst beim Kauf merken: Der 600e ist gar nicht für den Anhängerbetrieb zugelassen — keine Anhängelast, keine Stützlast, damit fällt auch der Fahrradträger auf der Kupplung flach. Zusammen mit der knappen Reichweite ist die Langstrecke die klare Schwäche.

Antrieb & Fahrdynamik: kräftig genug, entspannt abgeregelt

Vorn arbeitet ein permanenterregter Synchronmotor mit 115 kW, umgerechnet rund 156 PS, und 260 Nm Drehmoment. In 9,0 Sekunden geht es auf 100 km/h — auto motor und sport maß sogar minimal weniger. Das sind keine Zahlen, mit denen man angibt, aber im Alltag fühlt sich der 600e nachdrücklich und spontan an. Bei 150 km/h ist Schluss, der Vortrieb wird elektronisch abgeregelt. Aus Effizienzgründen ist das nachvollziehbar; wer regelmäßig deutlich schneller fahren will, ist hier falsch.

Fahrwerksseitig gibt sich der Italiener sicher und gutmütig. Im Ausweichtest bleibt er beherrschbar, das ESP greift erkennbar, aber nicht hektisch ein, und der Bremsweg aus 100 km/h liegt bei guten 34 Metern. Sportlich ist trotzdem etwas anderes: Die Karosserie neigt sich in Kurven deutlich, und die Lenkung ist der am häufigsten kritisierte Punkt. Mehrere Redaktionen beschreiben sie unabhängig voneinander als sehr leichtgängig, indirekt und arm an Rückmeldung.

Gewöhnungsbedürftig ist die Abstimmung der Fahrmodi: Die volle Leistung bekommt ihr nur im Sport-Modus oder per Kickdown, der Leistungssprung wirkt dabei unharmonisch. Auch die Rekuperation mischt sich nicht ganz sauber ins Bremspedal ein — echtes One-Pedal-Fahren bis zum Stillstand gibt es nicht.

Komfort & Geräusch: gut gefedert, hörbar gespart

Die Federung ist eine echte Stärke und wird quer durch die Testberichte gelobt. Innerorts schluckt das Fahrwerk Kopfsteinpflaster ordentlich weg, mit steigendem Tempo wird es noch souveräner. Auf Landstraße und Autobahn liegt der 600e angenehm ruhig — in dieser Preisklasse nicht selbstverständlich.

Beim Geräuschkomfort gehen die Urteile auseinander. Der ADAC maß bei 130 km/h 68,5 dB(A), hörte deutliche Windgeräusche und ein Poltern des Fahrwerks über schlechten Straßen und hält entspannte Unterhaltung bei diesem Tempo für schwierig. Auch inside digital berichtet von überraschend lauten Rollgeräuschen auf der Autobahn, während es in der Stadt angenehm leise bleibt. Der ACE dagegen fand Fahrwerk und Windgeräusche für die kompakte Größe durchaus vernünftig. Wir lassen beide Einschätzungen so stehen — sicher ist: ein Flüsterauto ist der 600e nicht.

Eine Ursache liegt offen: Die Türen kommen in weiten Teilen mit nur einer Dichtung aus — eine klassische Sparmaßnahme, die hörbar Ruhe kostet. Die Vordersitze sind gut konturiert; hinten fehlen Mittelarmlehne und Polsterung in den Türverkleidungen.

Innenraum, Raumangebot & Verarbeitung: vorn großzügig, hinten knapp

Auf dem Papier ist der 600e ein Fünfsitzer, in der Praxis eher ein bequemer Viersitzer. Vorn passt es hervorragend: Der Fahrersitz lässt sich für Menschen bis etwa 1,95 Meter zurückschieben, die Kopffreiheit reicht noch weiter. Im Fond wird es dagegen eng — wegen des kurzen Radstands genügt die Beinfreiheit nur für Passagiere bis rund 1,75 Meter, wenn vorn für 1,85 Meter eingestellt ist. Nach oben ist auch hinten viel Luft, in die Breite nicht.

Der Kofferraum fasst nominell 360 Liter, umgeklappt rund 1.230. Der ADAC misst nach eigener Methodik allerdings nur 275 Liter bis zur Gepäckraumabdeckung — solide Kleinwagenkost, nicht mehr. Dazu kommt eine hohe Ladekante von etwa 77 Zentimetern, und einen Frunk unter der Fronthaube gibt es nicht: Das Ladekabel passt gerade so unter den Kofferraumboden.

Bei der Verarbeitung fällt das Urteil zweigeteilt aus. Die Karosserie ist sauber gefertigt und der Unterboden vollständig verkleidet. Innen hat Fiat dagegen konsequent gespart: Weder am Armaturenbrett noch an den Türverkleidungen gibt es geschäumte, weiche Kunststoffe. Testberichte beschreiben das Hartplastik als geschickt kaschiert — beim zweiten Hinsehen bleibt es aber Hartplastik. Dazu fehlen Ablagen im Fond, und das Handschuhfach sitzt so tief, dass ihr vom Fahrersitz kaum drankommt.

Software, Bedienung & E-Funktionen: solide Basis, spürbare Lücken

In der Mitte sitzt ein 10,25 Zoll großer Touchscreen auf Android-Automotive-Basis, dahinter ein 7-Zoll-Display für die Fahrinformationen. Der Grundaufbau gefällt: Die Menüs sind meist schlüssig sortiert, die oberste Ebene lässt sich mit Kacheln anpassen, und für Lautstärke und Klimatisierung sind echte Regler und Tasten geblieben.

Im Detail hakt es dann doch. Die Taste für die Heckklappe sitzt in der Bedieneinheit am Dachhimmel, wo sie kaum jemand vermutet, die Sitzheizung lässt sich an drei Stellen anwählen, und die Home-Taste unterhalb des Bildschirms zwingt euch beim Bedienen ständig zum Absetzen. Die Sprachsteuerung reagierte in Tests häufig träge. Auch die Urteile zur Übersichtlichkeit gehen auseinander: Manche Tester finden sich sofort zurecht, andere halten das Infotainment für unnötig verschachtelt.

Bei den E-spezifischen Funktionen bleibt der 600e hinter dem zurück, was inzwischen üblich wird. Eine Wärmepumpe ist an Bord — in der Basisausstattung allerdings gegen Aufpreis, ab der nächsthöheren Linie serienmäßig. Vorklimatisierung und App-Anbindung sind da. Es fehlen dagegen die Batterie-Vorkonditionierung, eine aktive Ladestopp-Planung, ein einstellbares Ladelimit fürs AC-Laden, Vehicle-to-Load und der Frunk. Bei den Assistenten ist die Spreizung enorm: In der Topausstattung fährt der 600e mit adaptivem Tempomat, Autobahnassistent und Totwinkelwarner überzeugend teilautomatisiert mit, in der Basis bleibt es bei Notbremssystem, Spurhalter und Parksensoren hinten. Ein Head-up-Display gibt es gar nicht.

Bildergalerie

Fiat 600e Aussenansicht
Fiat 600e Seitenansicht

Einordnung im Ranking

Der Fiat 600e hat ein klares Profil: Stadt, Pendelstrecke, Kurzstrecke — dafür ist er gebaut, und darin ist er gut. Wer regelmäßig lange Strecken fährt, einen Anhänger ziehen oder häufig zu viert mit Erwachsenen reisen will, sollte sich woanders umsehen. Die naheliegenden Alternativen kommen größtenteils aus dem eigenen Konzern — Jeep Avenger, Opel Mokka Electric und Alfa Romeo Junior teilen sich Plattform und Antrieb — dazu Mini Aceman, Peugeot e-2008 und der günstigere Opel Frontera Electric.

Preislich hat sich viel bewegt: Zum Marktstart war der 600e schlicht zu teuer, was ihm der ADAC deutlich ankreidete. Inzwischen ist der Einstiegspreis um mehrere tausend Euro gefallen — damit ist der Fiat für das Gebotene fair bepreist. Achtet beim Konfigurieren aber hin: Die Basisausstattung ist deutlich karger als der Wagen, den die Tester gefahren sind, und die Wärmepumpe kostet dort extra.

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