Mercedes EQS 450+ im Test: Reichweiten-König mit Luxus-Anspruch

EV-Supertest-Wertung

Gesamtwertung

76,7 % 4,60 / 6

Preis/Leistung

1,0 / 6

Separate Kennzahl, nicht im Ranking.

Der Mercedes EQS 450+ ist ein herausragendes Reiseauto: Er kommt weiter als fast alles andere, ist dabei erstaunlich sparsam und bietet einen Komfort, der an die ganz großen Luxus-Namen heranreicht. Dank Hinterachslenkung fährt sich der Fünfmeter-Riese zudem verblüffend handlich. Schwächen bleiben das für Klasse und Preis nur solide 400-Volt-Ladetempo, die stellenweise verschachtelte Bedienung und der Innenraum, dem etwas die große S-Klasse-Aura fehlt. Unterm Strich ein exzellentes Auto – nur eben teuer fürs Gebotene, wo ihr den Namen und die Klasse mitbezahlt.

Pro

  • Riesige Reichweite – im Winter über 580 km ohne Ladestopp
  • Für Größe und Gewicht sehr sparsam (cw 0,20)
  • Referenz-Komfort mit Serien-Luftfederung, sehr leise
  • Dank Hinterachslenkung überraschend handlich, kleiner Wendekreis
  • Großer Kofferraum und viel Platz im Fond

Contra

  • Ladetempo für Preis und Klasse nur solide (400-Volt-Technik)
  • Sehr teuer, hoher Wertverlust
  • MBUX-Bedienung verschachtelt und touch-lastig
  • Kein Frunk, Innenraum ohne echte S-Klasse-Aura

Der Mercedes EQS 450+ ist das elektrische Flaggschiff aus Stuttgart – eine über fünf Meter lange Oberklasse-Limousine, die vor allem eines will: euch möglichst weit und möglichst komfortabel ans Ziel bringen. Wir haben uns die reichweitenstärkste Ausbaustufe mit 118-kWh-Akku und Heckantrieb angeschaut, also genau die Version, die in unabhängigen Tests zuletzt für Bestwerte gesorgt hat. Kurz vor dem Wechsel auf die neue 800-Volt-Technik zeigt der 400-Volt-EQS noch einmal, wie viel in ihm steckt. So viel vorweg: Bei Reichweite und Komfort spielt er ganz vorne mit – nur beim Preis wird es unromantisch.

Bildergalerie

Mercedes EQS 450+ Frontansicht
Mercedes EQS 450+ Heckansicht
Mercedes EQS 450+ Innenraum
Mercedes EQS 450+ Sitze

Technische Daten

Marktstart 2021
Basispreis 109.551 €
Nutzbare Batterie 118 kWh
Realverbrauch 21,5 kWh/100 km
Verbrauch WLTP 16,5 kWh/100 km
Reale Reichweite 620 km
Ladeleistung (Peak) 166 kW
Ladezeit 10–80 % 31 min
Leistung 265 kW (360 PS)
0–100 km/h 6 s
Höchstgeschwindigkeit 210 km/h
Kofferraum 610 l
Frunk 0 l
Sitzplätze 5 Sitze
Anhängelast 750 kg
Wendekreis 11,7 m
Maße (L×B) 5.223 × 1.926 mm
Antrieb Heckantrieb

Reichweite & Verbrauch: der sparsame Riese

Der EQS trägt mit 118 kWh nutzbarer Kapazität einen der größten Akkus im Markt spazieren – kombiniert mit einem herausragenden cw-Wert von 0,20. Das Ergebnis ist eine für Größe und Gewicht erstaunliche Effizienz. AutoBild maß auf einer gemischten 155-km-Testrunde 18,3 kWh/100 km, rund elf Prozent über der WLTP-Angabe. Im ADAC-Wintertest bei 0 °C und bis zu 130 km/h Autobahntempo waren es 20,4 kWh/100 km – selbst unter harten Bedingungen ein Spitzenwert.

Für die Bewertung rechnen wir wie im ADAC Ecotest üblich die Ladeverluste mit ein; dann landet der EQS bei rund 21,5 kWh/100 km. Dieser Referenzwert stammt allerdings noch von der kleineren 107,8-kWh-Ausbaustufe – die aktuelle 118-kWh-Version fällt in reinen Fahrtests eher etwas sparsamer aus. Praktisch heißt das: Wer pendelt, muss oft über eine Woche gar nicht ans Kabel denken.

Bei der Reichweite setzt der EQS Maßstäbe. AutoBild fuhr bei optimalen 20 °C 678 km – der beste je dort gemessene Wert. Im ADAC-Wintertest schaffte er die 582 km von München nach Berlin sogar ohne einen einzigen Ladestopp. Die Kehrseite bleibt ehrlich benannt: Die glänzenden WLTP-Werte jenseits der 800 km erreicht ihr im Alltag nicht, und auf der schnellen Autobahn steigt der Verbrauch spürbar.

Laden & Reisetauglichkeit: Reichweite schlägt Ladetempo

Hier zeigt sich der Kompromiss der 400-Volt-Technik. Die Ladeleistung liegt im ADAC-Mittel bei rund 166 kW über den Bereich von 10 auf 80 Prozent, der komplette Ladehub dauert etwa 31 Minuten. Der ADAC lud im Winter in 20 Minuten Strom für gut 300 km nach – gut, aber kein Rekord.

Im echten Reiseleben dreht der EQS den Spieß trotzdem um: Weil er so weit kommt, braucht ihr schlicht seltener eine Pause. Genau das brachte ihm im ADAC-Wintervergleich den Gesamtsieg als Langstreckenkönig ein – als einziges Auto fuhr er die Teststrecke am Stück. AC-seitig sind serienmäßig 11 kW an Bord, 22 kW gibt es optional.

Die Einordnung fällt zweigeteilt aus: Reine 800-Volt-Konkurrenten laden in absoluten Kilowatt schneller nach. Wer aber die Gesamtzeit einer langen Fahrt betrachtet, ist mit dem EQS dank seiner Reserve hervorragend bedient. Nur wer ständig sehr lange Etappen mit kurzen Stopps plant, spürt, dass das reine Ladetempo für Preis und Klasse eher solide als überragend ist.

Antrieb & Fahrdynamik: mühelos statt martialisch

Ein einzelner Heckmotor leistet rund 360 PS, was für den 0-auf-100-Sprint in gemessenen 6,0 Sekunden reicht; bei 210 km/h ist Schluss. Das ist kraftvoll und geschmeidig, aber angesichts von E-Autos mit Sprintzeiten unter vier Sekunden kein Aufreger – und muss es bei diesem Auto auch nicht sein.

Die eigentliche Überraschung ist das Handling. Dank serienmäßiger Hinterachslenkung wirkt die 2,5-Tonnen-Limousine „unverschämt agil“, wie es die Tester formulieren, und meistert den Ausweichtest souverän. Der Wendekreis von 11,7 m ist für ein Fünfmeter-Auto bemerkenswert klein, der Bremsweg aus 100 km/h lag bei knapp 33 Metern.

Die Kehrseite: Das hohe Gewicht bleibt physikalisch spürbar, und wer echten Sportwagen-Punch sucht, greift ohnehin zu den stärkeren 4Matic-Varianten. Als komfortabler Gleiter mit unerwartet viel Wendigkeit überzeugt der 450+ aber rundum.

Komfort & Geräusch: fast ein fliegender Teppich

Komfort ist die Paradedisziplin des EQS. Die serienmäßige Luftfederung bügelt Unebenheiten sanft und souverän weg, ohne schwammig zu werden. Dazu ist es an Bord außergewöhnlich leise: gemessene 65 dB(A) bei Tempo 130 sind flüsterleise, bei 50 km/h sind es nur 54 dB(A).

Im Alltag bedeutet das entspanntes Reisen auch über viele Stunden – Beifahrer schlafen hier gern ein. Tester ziehen den Vergleich zum „fliegenden Teppich“ und zur Ruhe teurerer Maybach-Modelle. In dieser Kategorie muss sich der EQS vor keinem Konkurrenten verstecken; eine echte Schwäche ist hier kaum auszumachen.

Innenraum, Raumangebot & Verarbeitung: viel Platz, etwas wenig Aura

Der riesige Radstand von 3,21 m schafft im Fond Platz für Menschen bis rund zwei Meter Körpergröße. Der Kofferraum fasst dank großer Heckklappe rund 610 Liter und wächst auf bis zu 1.770 Liter – mehr, als ein BMW i7 oder eine S-Klasse bieten. Einen Frunk gibt es allerdings nicht.

Die Materialien sind edel ausgewählt und ordentlich verarbeitet, die Bildschirmlandschaft wirkt beeindruckend. Kritisch merken Tester aber an, dass dem EQS die besondere Aura einer klassischen S-Klasse fehlt und der Innenraum sich stellenweise näher an einer Klasse tiefer anfühlt, als der Preis vermuten lässt. Vorn kann die wuchtige Armaturenlandschaft zudem etwas einengend wirken.

Software, Bedienung & E-Funktionen: klug, aber verschachtelt

Bei den E-Funktionen ist der EQS gut aufgestellt: Wärmepumpe und Batterie-Vorkonditionierung sind an Bord – ein wesentlicher Grund für die starke Wintervorstellung. Die Ladeplanung im Navigationssystem, die mehrstufig verstellbare Rekuperation samt One-Pedal-Funktion und eine umfangreiche Serien-Assistenz runden das Bild ab. Das hochautomatisierte Fahren nach Level 3 (Drive Pilot) bleibt ein Aufpreis-Extra.

Die Software rund um MBUX liefert brillante Grafik, viele Apps und eine clevere Sprachbedienung. Die Kehrseite ist bekannt: Die Menüs geraten schnell verschachtelt, und vieles läuft über Touch statt über echte Tasten. Wer sich einarbeitet, kommt gut zurecht – intuitiv auf den ersten Griff ist es nicht immer.

Einordnung im Ranking

In seiner Liga gehört der Mercedes EQS 450+ zu den stärksten Angeboten, wenn es um Reichweite und Komfort geht – hier spielt er auf Augenhöhe mit BMW i7, Lucid Air und Porsche Taycan. Passen wird er vor allem zu Vielfahrern und Langstrecken-Fans, die lautlosen Luxus und maximale Reserve suchen und mit dem „nur“ soliden 400-Volt-Ladetempo leben können.

Beim Preis muss man ehrlich sein: Der EQS ist teuer fürs Gebotene – hier zahlt ihr Klasse und Namen deutlich mit. Diese Einordnung steht aber bewusst neben dem Gesamturteil und fließt nicht in die Kategoriewertung ein. Wer den Gegenwert an Reichweite, Ruhe und Raum sucht und den Aufpreis stemmen kann, bekommt eines der überzeugendsten Elektro-Reiseautos überhaupt. Am Horizont steht bereits das 800-Volt-Facelift mit 122-kWh-Akku und deutlich schnellerem Laden – bewertet ist hier aber ausdrücklich der aktuell breit getestete 400-Volt-Wagen.

Bildquellen

  • Titelbild: Mercedes EQS 450+ Limousine (Pressefoto) — © Mercedes-Benz AG
  • Mercedes EQS 450+ Frontansicht — © Mercedes Presseportal
  • Mercedes EQS 450+ Heckansicht — © Mercedes Presseportal
  • Mercedes EQS 450+ Innenraum — © Mercedes Presseportal
  • Mercedes EQS 450+ Sitze — © Mercedes Presseportal

Bewertet nach eigener Rubrik v1.0 auf Basis öffentlich verfügbarer Messdaten mehrerer Quellen. Keine eigenen Fahrtests.

TOP IN DIESER KLASSE

Vergleichen

Aktuelle Tests