EV-Supertest-Wertung
Gesamtwertung
Preis/Leistung
2,0 / 6Separate Kennzahl, nicht im Ranking.
Bewertung im Detail
Fazit
Der Nissan Ariya 87 kWh ist ein Auto für alle, die es gern ruhig, wohnlich und unaufgeregt mögen: leiser Innenraum, hochwertige Materialien, viel Platz und ein komfortabler Grundcharakter. Wer aber viel Langstrecke fährt, wird mit dem schwachen Schnellladen und dem hohen Autobahnverbrauch hadern – hier hängt ihn die 800-Volt-Konkurrenz deutlich ab. Unterm Strich ein sympathisches, aber etwas teures Angebot fürs Gebotene: Der große Akku macht ihn alltagstauglich, doch aus seiner Kapazität holt der Ariya nicht das heraus, was möglich wäre. Für komfortorientierte Familien mit eigener Lademöglichkeit eine stilvolle Wahl – für Vielfahrer eher nicht.
Pro
- Sehr leiser, wohnlicher Innenraum mit hochwertiger Verarbeitung
- Serienmäßig Wärmepumpe und dreiphasiger 22-kW-AC-Lader
- Großzügiges Platzangebot, vor allem im Fond
- Komfortabel abgestimmtes Fahrwerk, entspanntes Fahrgefühl
Contra
- Schwaches Schnellladen (max. 130 kW, real meist weniger)
- Hoher Realverbrauch, dadurch nur mittlere Reichweite trotz großem Akku
- Software träge und zum Marktstart fehlerbehaftet
- Für das Gebotene vergleichsweise teuer
Nissan war mit dem Leaf einer der Pioniere der Elektromobilität – doch beim Ariya, dem elektrischen Crossover-SUV, ließ sich die Marke reichlich Zeit. Als er 2022 endlich zu den Händlern rollte, standen VW ID.4, Hyundai Ioniq 5, Kia EV6 und Škoda Enyaq längst in den Höfen. Wir haben uns die Version mit dem großen 87-kWh-Akku und Frontantrieb angeschaut: ein 4,60 Meter langes Familien-SUV, das vor allem mit einem wohnlichen, leisen Innenraum punkten will. Ob das reicht, um die verlorene Zeit aufzuholen – und wo der Japaner Federn lässt –, klären wir hier.
Bildergalerie
Technische Daten
Reichweite & Verbrauch: großer Akku, mittlere Ausbeute
87 kWh nutzbare Batterie klingen nach viel, und auf dem Papier verspricht Nissan bis zu rund 516 Kilometer nach WLTP. In der Praxis kommt spürbar weniger an: Unabhängige Realdaten sehen den kombinierten Verbrauch bei etwa 21 kWh/100 km inklusive Ladeverluste, woraus sich eine Alltagsreichweite von grob 450 Kilometern ergibt. Auf der Autobahn schmilzt der Vorrat dahin – bei 120 bis 130 km/h messen Tester eher 25 bis 28 kWh/100 km, real bleiben dann je nach Tempo und Temperatur nur rund 310 bis 410 Kilometer. Im ADAC-Winter-Reichweitentest, also bei Kälte und hoher Last, waren es 28,0 kWh und nur 314 Kilometer.
Für Pendeln, Einkauf und Familienalltag reicht das locker: Die etwa 450 Kilometer im gemischten Betrieb decken die allermeisten Wochen ohne Nachladen ab, und die serienmäßige Wärmepumpe hält den Winter-Aufschlag in Grenzen. Ehrlich bleibt aber die Kehrseite: Für einen so großen Akku ist die Effizienz nur durchschnittlich. Sparsamere Konkurrenten holen aus deutlich weniger Kapazität eine ähnliche Reichweite – der hohe Autobahnverbrauch ist die klare Schwäche dieses Kapitels.
Laden & Reisetauglichkeit: der wunde Punkt
Hier zeigt der Ariya seine größte Schwäche. Am Schnelllader nennt Nissan maximal 130 kW – und selbst die erreicht das Auto real kaum. Im ADAC-Test wurden kurzzeitig etwa 120 bis 125 kW gemessen, im Schnitt lag die Ladeleistung eher um 100 kW. Für 10 auf 80 Prozent solltet ihr real gut 40 bis 45 Minuten einplanen. Ganz anders beim Wechselstromladen: Serienmäßig sind dreiphasige 22 kW an Bord, damit ist der Akku an einer kräftigen Wallbox in rund dreieinhalb Stunden wieder voll.
Wer überwiegend zu Hause oder bei der Arbeit lädt, profitiert also von den selten gebotenen 22 kW AC. Auf der Langstrecke dagegen bremst das schwache Gleichstromladen: Für die Strecke München–Berlin sind laut ADAC drei Ladestopps nötig. Die aktuelle 800-Volt-Konkurrenz wie Hyundai Ioniq 5 und Kia EV6 lädt hier in etwa halber Zeit nach. Mittlere Reichweite und langsames Laden zusammen machen den Ariya zum eher gemächlichen Langstreckenbegleiter.
Antrieb & Fahrdynamik: souverän statt sportlich
Der einzelne Frontmotor leistet 178 kW (242 PS) und stemmt 300 Nm. Damit sprintet der rund zwei Tonnen schwere Ariya in 7,6 Sekunden auf Tempo 100, bei 160 km/h ist elektronisch Schluss. Für zügiges Mitschwimmen, Überholen und Auffahren auf die Autobahn ist das völlig ausreichend – der Antrieb wirkt kräftig, ohne je aufdringlich zu sein.
Fahrdynamisch ist der Ariya klar auf Komfort und Souveränität ausgelegt, nicht auf Sport. Tester attestieren ihm ein leichtes Untersteuern; im Lastwechsel greift das ESP hörbar und recht vehement ein, ein Kurvenräuber ist er also nicht. Das Bremspedal wirkte in frühen Tests etwas synthetisch, der Übergang zwischen Rekuperation und mechanischer Bremse ist dagegen sauber abgestimmt. Als Fronttriebler kann er bei Nässe kurz mal an Traktion verlieren. Ein e-Pedal für einpedaliges Fahren ist an Bord, ein echtes One-Pedal-Driving bis zum Stillstand bietet es aber nicht.
Komfort & Geräusch: leise Sänfte mit kleiner Einschränkung
Seine große Stärke ist die Ruhe. Dank Doppelverglasung der vorderen Seitenscheiben und guter Dämmung bleibt es im Innenraum bemerkenswert leise – im ADAC-Messwert lag das Innengeräusch bei 130 km/h bei niedrigen 67,4 dB(A). Auch das Fahrwerk sammelt Lob: Mehrere Tester beschreiben, wie souverän der Ariya Bodenwellen und schlechten Asphalt ausbügelt.
Ganz ohne Kompromiss geht es aber nicht. Auf den 19- und 20-Zoll-Rädern der oberen Ausstattungslinien, in denen der große Akku angeboten wird, gerät die Abstimmung straffer und kommt bei niedrigem Tempo nicht völlig zur Ruhe. Die „Zero Gravity“-Sitze sind angenehm gepolstert und bequem, bieten für flotte Kurven aber nur wenig Seitenhalt – was zum entspannten Grundcharakter des Autos aber ganz gut passt.
Innenraum, Raumangebot & Verarbeitung: wohnlich und sauber gemacht
Mit 4,60 Metern Länge und langem Radstand bietet der Ariya viel Platz, vor allem im Fond: Dort loben Tester die enorme Kopf- und Beinfreiheit. Der Kofferraum fasst nach ADAC-Messung 450 Liter (Nissan gibt 468 Liter an) und wächst mit umgeklappter Rückbank auf bis zu rund 1.460 Liter. Einen Frunk gibt es nicht, unter der Fronthaube sitzt die Klimatechnik. Die coupéhafte Dachlinie kostet hinten etwas Kopffreiheit, und wegen des Akkus im Boden müssen die Beine etwas stärker angewinkelt werden.
Bei Materialien und Verarbeitung sammelt der Ariya Pluspunkte: hochwertige, sauber zusammengefügte Oberflächen, ein aufgeräumtes, minimalistisches Cockpit mit hübschen Details und – löblich – echte Außenspiegel statt Kamerasystemen. Ein kleiner Kritikpunkt der Tester sind die recht niedrig sitzenden Armauflagen in den Türen. Insgesamt fühlt sich der Innenraum eher nach gehobener Lounge als nach nüchternem Zweckbau an.
Software, Bedienung & E-Funktionen: gutes Konzept, unrunde Software
Das Bedienkonzept ist durchdacht: haptische, vibrierende Tasten für die Klimasteuerung, ein echter Drehregler für die Lautstärke, ein serienmäßiges Head-up-Display (ab Evolve-Ausstattung) sowie kabelloses Apple CarPlay und Android Auto. Sprachbefehle laufen über Nissans eigene Steuerung und Amazon Alexa. Bei der Software hakt es allerdings: Tester berichten von trägen Reaktionen nach dem Start, von Bugs und von kryptischen Abkürzungen und Schreibfehlern in den Menüs, die zum Marktstart wenig souverän wirkten.
Bei den E-Funktionen ist das Bild gemischt. Positiv: Wärmepumpe und 22-kW-AC-Lader sind serienmäßig, das Navi plant Ladestopps auf längeren Strecken. Die Assistenz (Nissan ProPilot) arbeitet sauber – der Abstandstempomat agiert unaufgeregt, der Spurhalteassistent hält das Auto ordentlich in der Mitte. Lücken gibt es aber auch: Die Batterie lässt sich nur manuell vorkonditionieren, eine automatische Vorwärmung über das Navi fehlt; adaptives LED-Licht bietet Nissan nicht an, der Fernlichtassistent agiert nervös, und Funktionen wie Vehicle-to-Load sucht man vergebens.
Einordnung im Ranking
Der Nissan Ariya ist ein wohnliches, leises Familien-SUV mit hochwertigem Innenraum und komfortablem Grundcharakter – aber weder ein Effizienz- noch ein Ladewunder. Gegen Rivalen wie VW ID.4 und ID.5, Škoda Enyaq, Hyundai Ioniq 5, Kia EV6 und Tesla Model Y muss er sich vor allem beim Schnellladen und beim Verbrauch geschlagen geben, während er bei Ruhe, Materialanmutung und Platz durchaus mithält.
Im EV-Supertest-Ranking · Platz 63 von 104
Quellen
- ADAC – Autotest & Ecotest Nissan Ariya (63-kWh-Variante, gleiche Karosserie)
- ADAC – Winter-Reichweitentest 2025: Nissan Ariya 87 FWD
- EV Database – Nissan Ariya 87 kWh
- autonotizen.de – Nissan Ariya 87 kWh Alltagstest
- firmenauto.de – Nissan Ariya Test: E wie Erfahrung
- weser-kurier.de (newcarz) – Autotest Nissan Ariya
- InsideEVs.de – Nissan Ariya Test (Allrad 290 kW & Erstfahrt)
- insta-drive.com – Nissan Ariya Autobahn-Reichweitentest
Bildquellen
- Titelbild: Nissan Ariya als Crossover-SUV in Seitenansicht — © Nissan
- Nissan Ariya Aussenansicht — © Nissan Presseportal
- Nissan Ariya Seitenansicht — © Nissan Presseportal
- Nissan Ariya Innenraum — © Nissan Presseportal
- Nissan Ariya Infotainment — © Nissan Presseportal
- Nissan Ariya Sitze — © Nissan Presseportal
- Nissan Ariya Kofferraum — © Nissan Presseportal
Bewertet nach eigener Rubrik v1.0 auf Basis öffentlich verfügbarer Messdaten mehrerer Quellen. Keine eigenen Fahrtests.
