EV-Supertest-Wertung
Gesamtwertung
Preis/Leistung
1,5 / 6Separate Kennzahl, nicht im Ranking.
Bewertung im Detail
Fazit
Der Mercedes EQE 350+ ist ein herausragendes Reise-Elektroauto: bemerkenswert leise, sparsam und mit großer Reichweite, dazu edel verarbeitet. Er glänzt als entspannter Langstreckengleiter für zwei bis vier Personen. Seine Grenzen zeigt er beim Praktischen – kleiner Kofferraum ohne Heckklappe, kein Frunk, unhandlich in der Stadt – sowie beim nur gemächlichen Schnellladen und einem Serienfahrwerk, das erst mit teurer Luftfederung zur Sänfte wird. Fürs Gebotene bleibt er teuer; hier zahlt man Marke und Klasse mit. Wer vor allem leise und weit reisen will, bekommt trotzdem eines der stimmigsten Elektroautos seiner Klasse.
Pro
- Große Reichweite von rund 530 km im Ecotest
- Niedriger Verbrauch für Größe und Gewicht
- Herausragender Geräuschkomfort serienmäßig
- Hochwertige Verarbeitung und gutes MBUX-Infotainment
- Souveräner, laufruhiger Antrieb
Contra
- Ladeleistung wegen 400-Volt-Technik nur solide
- Knapper Kofferraum ohne Heckklappe, kein Frunk
- Groß und unübersichtlich in der Stadt
- Volle Assistenz und Luftfahrwerk nur gegen Aufpreis
- Schlecht dosierbare Bremse
Mit dem EQE 350+ schickt Mercedes die elektrische Interpretation der klassischen E-Klasse ins Rennen: eine knapp fünf Meter lange Business-Limousine der oberen Mittelklasse, die technisch eng mit dem großen EQS verwandt ist. Angetrieben wird die getestete Variante von einem einzelnen Heckmotor, gespeist aus einem Akku mit rund 89 kWh nutzbarem Energieinhalt. Der EQE 350+ will vor allem eines sein: ein leises, weit reisendes Elektroauto für Vielfahrer. Wie gut ihm das gelingt und wo er sich Schwächen leistet, zeigt der folgende Test auf Basis öffentlicher Messdaten. Hinweis vorab: Diese Ausführung ist in Deutschland inzwischen ausgelaufen und wurde vom EQE 350 mit minimal kleinerer Batterie abgelöst – die Messwerte bleiben für die Baureihe aber aussagekräftig.
Bildergalerie
Technische Daten
Reichweite & Verbrauch: der stille Effizienzkönig seiner Klasse
Der EQE 350+ geht erstaunlich sparsam mit Strom um. Im standardisierten ADAC Ecotest liegt der Verbrauch bei rund 20 kWh je 100 Kilometer – und zwar inklusive der Ladeverluste, die beim Laden mit Wechselstrom entstehen. Für ein über zwei Tonnen schweres, gut fünf Meter langes Auto ist das ein bemerkenswert niedriger Wert. Er reicht knapp, um im Ecotest die volle Fünf-Sterne-Wertung zu holen. Der Werksverbrauch nach WLTP von 16,5 kWh liegt naturgemäß darunter, ist im Alltag aber kaum zu erreichen.
Aus dem niedrigen Verbrauch folgt eine große Reichweite. Im gemischten Ecotest-Zyklus kommt der EQE 350+ auf etwa 530 Kilometer – ermittelt unter günstigen 22 Grad, also einem Bestfall. Der Puffer ist trotzdem groß genug, dass auch im kalten Winter noch rund 400 Kilometer realistisch bleiben. Für Pendler heißt das: Laden wird zur Wochenaufgabe, nicht zur täglichen Pflicht. Auf der Langstrecke schrumpft die Reichweite bei hohem Autobahntempo spürbar, das gilt hier wie bei jedem Elektroauto.
Die Kehrseite hält sich in Grenzen: Wer den EQE dauerhaft schnell über die Autobahn treibt, sieht Verbräuche deutlich jenseits der 25 kWh und entsprechend kürzere Etappen. In seinem Kernrevier – gleichmäßiges Reisen im Alltag – gehört er bei Effizienz und Reichweite aber zu den Stärksten seiner Klasse.
Laden & Reisetauglichkeit: große Etappen, aber gemächliches Nachladen
Am Gleichstrom-Schnelllader zieht der EQE 350+ im ADAC-Test bis zu 171 kW – ein solider, aber kein herausragender Wert. Von 10 auf 80 Prozent vergehen rund 32 Minuten, sofern die Säule genug Leistung liefert und die Batterie vorgewärmt ist. Praktisch: Gibt man einen Ladepunkt ins Navi ein, heizt das Auto den Akku automatisch auf die richtige Temperatur vor. Ohne diese Vorkonditionierung fällt die Ladeleistung bei kühlem Akku deutlich ab.
Der Grund für das gemächliche Tempo liegt in der Technik: Der EQE nutzt eine 400-Volt-Architektur, während schnellere Konkurrenten mit 800 Volt laden. In der Praxis bedeutet das etwas längere Stopps als bei den Ladeschnellsten. Weil die Reichweite aber groß ist, braucht man auf einer typischen Reise ohnehin seltener eine Pause – das federt den Nachteil ein Stück weit ab.
Unterm Strich ist der EQE 350+ ein sehr gutes Reiseauto, das seine Stärke aus der Reichweite zieht, nicht aus der Ladegeschwindigkeit. Wer viel und schnell zwischen weit entfernten Zielen pendelt und dabei jede Minute an der Säule zählt, findet inzwischen flotter ladende Alternativen. Für entspanntes Langstreckenreisen reicht es locker.
Antrieb & Fahrdynamik: souverän statt sportlich
Der Heckmotor leistet 215 kW, das entspricht rund 292 PS, und schiebt mit 565 Nm kräftig an. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 6,4 Sekunden – zügig, ohne aufdringlich zu sein. Bei 210 km/h ist Schluss. Der Charakter passt zum Auto: Der EQE 350+ will nicht der schnellste sein, sondern der entspannteste. Die Kraft steht jederzeit lautlos bereit, das genügt für müheloses Mitschwimmen und sichere Überholmanöver.
Beim Fahrverhalten loben Tester die typische Mercedes-Fahrstabilität und eine für die Größe erstaunliche Agilität. Optional helfen Sportbereifung und die aufpreispflichtige Hinterachslenkung, die den langen Wagen handlicher macht, als er aussieht. Ohne diese Extras bleibt der EQE ein komfortabel abgestimmter Gleiter, kein Kurvenräuber.
Ein echter Kritikpunkt ist die Bremse: In Tests wird sie als schlecht dosierbar bemängelt, was den ansonsten geschmeidigen Fahreindruck stört. Der Übergang zwischen Rekuperation und mechanischer Bremse gelingt nicht immer sauber – ein Detail, das im Alltag auffällt und das Mercedes hätte besser lösen können.
Komfort & Geräusch: fast eine Flüsterkabine
Die größte Stärke des EQE liegt im Komfort. Der Geräuschkomfort ist herausragend: Bei Autobahntempo bleibt es im Innenraum bemerkenswert leise, Wind- und Abrollgeräusche dringen kaum durch. Das ist Serienstandard und macht lange Etappen spürbar entspannter – man unterhält sich in normaler Lautstärke und hört Musik ohne aufzudrehen.
Beim Federungskomfort muss man genauer hinschauen. In den Tests glänzt der EQE mit einem sehr geschmeidigen Abrollverhalten – allerdings meist mit dem optionalen Luftfahrwerk. Serienmäßig rollt er auf Stahlfedern, die zwar ordentlich, aber nicht ganz auf dem „fliegender Teppich“-Niveau der Luftfederung dämpfen. Wer den vollen Sänften-Effekt will, muss die Aufpreisliste bemühen.
Insgesamt bleibt der Komfort auch in der Serienausstattung eine klare Stärke, getragen vor allem von der exzellenten Geräuschdämmung. Die etwas straffere Grundabstimmung ist der Preis dafür, dass man das Top-Fahrwerk separat bezahlt.
Innenraum, Raumangebot & Verarbeitung: edel, aber kein Lademeister
Innen gibt sich der EQE hochwertig: Verarbeitung und Materialanmutung liegen auf Premium-Niveau, die Kritikpunkte bleiben Detailfragen – etwas geschäumter Kunststoff im unteren Bereich, vereinzelt scharfe Kanten. MBUX-Infotainment, gute Sitze und eine ruhige, edle Atmosphäre passen zum Anspruch der Klasse.
Beim Praktischen schwächelt die Limousine. Statt einer großen Heckklappe wie im EQS öffnet nur ein kleiner Kofferraumdeckel; das Volumen von 430 Litern ist für die Fahrzeuggröße eher bescheiden. Einen Frunk unter der Fronthaube gibt es nicht – dort sitzt unter anderem ein Feinstaubfilter. Auch die Anhängelast von nur 750 Kilogramm ist mager. Wer viel transportiert, ist mit einem Kombi oder SUV besser bedient.
Der Fond bietet großzügige Beinfreiheit, der Kopfraum fällt wegen der coupéhaften Dachlinie hingegen knapper aus. Der EQE ist damit klar als komfortabler Reisewagen für zwei bis vier Personen ausgelegt, weniger als variabler Familientransporter.
Software, Bedienung & E-Funktionen: viel Technik, teils hinter Aufpreis
Das MBUX-System zählt zu den Sonnenseiten: schnelle Reaktionen, umfangreiche Funktionen, Android Auto und Apple CarPlay sind serienmäßig an Bord. Bei den E-Funktionen überzeugt der EQE mit serienmäßiger Wärmepumpe, automatischer Batterie-Vorkonditionierung und einer ladepunktbasierten Routenplanung – die Kernfunktionen für Elektro-Vielfahrer sind also da.
Bei der Bedienung trennt sich die Spreu vom Weizen: Die Menüs sind stark auf Touch und Sprachsteuerung ausgelegt, physische Tasten sind rar. Das wirkt modern, führt aber zu tief verschachtelten Menüs, in denen einfache Einstellungen manchmal länger dauern als nötig. Tester vergeben hier nur ein durchschnittliches Urteil.
Ein weiterer Wermutstropfen ist die Ausstattungspolitik: Viele Assistenzsysteme – etwa aktiver Spurhalte-, Spurwechsel- oder Abstandsassistent – stecken in teuren Paketen und sind nicht serienmäßig. Wer die volle Assistenz will, zahlt kräftig drauf. Die Basis ist solide, das Premium-Erlebnis kostet extra.
Einordnung im Ranking
Der Mercedes EQE 350+ ist ein exzellentes Reise-Elektroauto: leise, effizient, weit reichend und edel verarbeitet. Seine Schwächen liegen woanders – beim knappen Kofferraum ohne Heckklappe und Frunk, der für die Stadt unhandlichen Größe, dem nur soliden Serienfahrwerk und der Ladeleistung, die dem 400-Volt-Konzept geschuldet ist. Direkte Alternativen sind etwa der ebenfalls effiziente, aber schneller ladende Hyundai Ioniq 6 oder der praktischere BMW i4; wer mehr Platz braucht, schaut zum EQE SUV oder gleich zur Kombi-Konkurrenz.
Preislich sollte man ehrlich sein: Fürs Gebotene ist der EQE 350+ teuer – hier zahlt man den Stern und die Klasse mit. Als Gebrauchter oder gut rabattiert wird das Verhältnis deutlich attraktiver. Wo genau er sich im Gesamtfeld einsortiert, zeigt die folgende Platzierung.
Im EV-Supertest-Ranking · Platz 23 von 104
Quellen
- ADAC – Mercedes-Benz EQE 350 (07/22–04/23), Technik & Ecotest
- ADAC Autotest EQE 350+ (PDF, at6236)
- ADAC – Mercedes EQE im Test: Reichweite, Verbrauch, Technik
- EVKX.net – Mercedes-EQ EQE 350+ Full Specs
- EV Database – Mercedes-Benz EQE 350+ (MY22-23)
- saving-volt.de – Ladekurve Mercedes-Benz EQE 350 (10–80 %)
- auto motor und sport – Mercedes EQE 350+ im Test
Bildquellen
- Titelbild Mercedes EQE 350+ (außerhalb der Galerie) — © Mercedes-Benz
- Mercedes EQE 350+ Aussenansicht — © Mercedes Presseportal
- Mercedes EQE 350+ Heckansicht — © Mercedes Presseportal
- Mercedes EQE 350+ Seitenansicht — © Mercedes Presseportal
- Mercedes EQE 350+ Innenraum — © Mercedes Presseportal
- Mercedes EQE 350+ Infotainment — © Mercedes Presseportal
Bewertet nach eigener Rubrik v1.0 auf Basis öffentlich verfügbarer Messdaten mehrerer Quellen. Keine eigenen Fahrtests.
