EV-Supertest-Wertung
Gesamtwertung
Preis/Leistung
0,0 / 6Separate Kennzahl, nicht im Ranking.
Bewertung im Detail
Fazit
Der Nio EL8 macht genau das gut, wofür er gebaut wurde: Er bringt sechs Menschen außerordentlich bequem und sehr leise über lange Strecken. Luftfahrwerk, Geräuschniveau und Beinfreiheit sind Argumente, die in dieser Klasse zählen, und die Ladetechnik ist konkurrenzfähig. Dagegen stehen ein hoher Verbrauch, eine Autobahnreichweite, die den Testzyklus nicht hält, eine gefühllose Lenkung und ein Bedienkonzept, das fast alles in Touchmenüs verlegt. Dazu kommt der Preis: Für das Gebotene ist der EL8 sehr teuer, das Preis/Leistungs-Verhältnis fällt schwach aus. Wer den Komfort über alles stellt und die Kompromisse beim Gepäck und bei der Bedienung akzeptiert, bekommt ein beeindruckendes Auto – alle anderen finden günstiger mehr Alltagsnutzen.
Pro
- Sehr hoher Federungskomfort dank serienmäßigem Zweikammer-Luftfahrwerk
- Außerordentlich leiser Innenraum, gemessen 63,9 dB(A) bei 130 km/h
- Großzügiges Platzangebot in allen drei Sitzreihen
- Kurze Ladezeit von 28 Minuten für 10 bis 80 Prozent
- Umfangreiche Serienausstattung, kaum Aufpreislisten
Contra
- Sehr teuer, zumal die Batterie separat gekauft oder gemietet wird
- Hoher Realverbrauch von 22,0 kWh/100 km
- Bedienung fast vollständig über Touchmenüs, kein Apple CarPlay oder Android Auto
- Gefühllose, sehr indirekte Lenkung und träges Fahrverhalten
- Wenig Gepäckraum bei voller Bestuhlung, kein Frunk, kein Handschuhfach
- In der Stadt sperrig: 5,10 Meter Länge und rund 13 Meter Wendekreis
Wenn ein chinesischer Hersteller Vollgas in Richtung Oberklasse gibt, sieht das so aus: Der Nio EL8 ist 5,10 Meter lang, wiegt fahrfertig rund 2,6 Tonnen und bringt sechs Sitze in drei Reihen unter. Nio positioniert ihn ausdrücklich als Chauffeur- und Familien-SUV, nicht als Kurvenräuber, und genau so fährt er sich in den Tests auch. Wer Platz, Ruhe und ein Ausstattungsniveau sucht, das kaum noch Aufpreislisten kennt, findet hier viel. Wer auf den Preiszettel schaut, muss allerdings tief durchatmen.
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Technische Daten
Reichweite & Verbrauch: ehrlich zertifiziert, aber durstig
Im standardisierten Realtest des ADAC genehmigt sich der EL8 22,0 kWh auf 100 Kilometer – und darin stecken bereits die Ladeverluste, die beim dreiphasigen Laden mit 11 kW anfallen. Bemerkenswert daran ist weniger die Höhe des Werts als der Abstand zur Werksangabe: Mit 21,2 kWh nach WLTP liegt der Hersteller ungewöhnlich dicht am Messergebnis. Viele Konkurrenten reißen diese Lücke deutlich weiter auf.
Aus dem Verbrauch ergeben sich im selben Testzyklus rund 450 Kilometer Reichweite aus dem 90 kWh großen Akku. Für ein Fahrzeug dieser Größe und Leistung ist das ordentlich, absolut betrachtet aber kein Spitzenwert – kompaktere Stromer mit halb so viel Batterie kommen ähnlich weit. Im Alltag heißt das: Pendeln, Schule, Einkauf und Wochenendtouren deckt eine Ladung locker ab, auch im Winter.
Die Kehrseite zeigt sich auf der Autobahn. Tester berichten übereinstimmend, dass die Reichweite bei höherem Tempo spürbar schmilzt; unabhängige Datenbanken kalkulieren bei konstant 110 km/h je nach Jahreszeit nur noch rund 320 bis 405 Kilometer. Wer häufig mit Tempo 130 unterwegs ist, sollte mit einem Verbrauch jenseits von 20 kWh rechnen – und mit entsprechend früheren Ladestopps.
Laden & Reisetauglichkeit: schnell genug, aber mit Sternchen
Beim Nachladen liefert der EL8 solide Werte: Von 10 auf 80 Prozent vergehen im ADAC-Test 28 Minuten, im Schnitt fließen dabei 147,5 kW in die Batterie. Nachgeladen werden so rund 66 kWh – genug für etwa 330 zusätzliche Kilometer nach Testzyklus. Das ist ein Wert, mit dem sich eine Langstrecke planen lässt, ohne dass die Kaffeepause zur Zwangspause wird.
Das Sternchen steckt in der Spitzenleistung. Die vom Hersteller genannten 240 kW erreicht der EL8 nur an sehr leistungsfähigen Säulen, die kurzzeitig besonders hohe Stromstärken liefern. An den heute verbreiteten Schnellladern sind rund 185 kW das Maximum – ein Wert, den ein Fahrbericht mit gemessenen 177 kW bei rund 60 Prozent Ladestand auch praktisch bestätigt hat. Dazu kommt Nios Sonderweg: Der Akku lässt sich an den Wechselstationen der Marke binnen weniger Minuten tauschen, was in Europa aber nur auf ausgewählten Routen wirklich hilft.
Für den Nutzwert auf Reisen spricht die Anhängelast von zwei Tonnen gebremst – damit zieht der EL8 auch einen größeren Wohnwagen, sofern die optionale Anhängerkupplung an Bord ist. Dass die Reichweite mit Anhänger deutlich einbricht, versteht sich bei diesem Format von selbst. Unterm Strich bleibt der große Nio ein reisetauglicher, aber kein herausragend reisetauglicher Stromer: Die Ladetechnik ist besser als die Autobahnreichweite.
Antrieb & Fahrdynamik: viel Kraft, wenig Gefühl
Zwei Motoren, 480 kW Systemleistung, 850 Nm: Auf dem Papier spielt der EL8 in der Sportwagenliga, und 4,1 Sekunden auf Tempo 100 im schärfsten Fahrmodus untermauern das. Interessanter als die reine Zahl ist die Technik dahinter. Vorn arbeitet ein permanenterregter Synchronmotor, hinten ein Asynchronmotor, der sich bei konstanter Fahrt praktisch verlustfrei abkoppeln lässt. Bei Tempo 200 ist elektronisch Schluss – für die linke Autobahnspur reicht das, ein Dauerläufer bei Höchstgeschwindigkeit ist der Akku aber nicht.
Im Fahrverhalten dominiert die Masse. Tester beschreiben den EL8 als sicher und jederzeit beherrschbar, im Grenzbereich schiebt er sauber über die Vorderräder, das ESP greift früh ein. Der Allradantrieb sorgt für hervorragende Traktion, selbst bei beherzten Ampelstarts. Agil fühlt sich das trotzdem nie an.
Die deutlichste Schwäche ist die Lenkung. Sie arbeitet leichtgängig und synthetisch, meldet kaum zurück, was die Vorderräder gerade tun, und ist mit drei Umdrehungen zwischen den Anschlägen sehr indirekt übersetzt. Auf kurvigen Landstraßen bedeutet das viel Kurbelei. Immerhin bremst der EL8 gut: Aus 100 km/h steht er im Mittel nach 34,8 Metern, und die Leistung bleibt über mehrere Bremsungen konstant.
Komfort & Geräusch: hier spielt der EL8 seine Trumpfkarte
Serienmäßig rollt der große Nio auf einem Zweikammer-Luftfahrwerk mit adaptiver Dämpferregelung – und das merkt man. In Tests wird der Federungskomfort durchgängig gelobt: Der EL8 bügelt Unebenheiten souverän glatt und spielt seine Stärken gerade auf schlechten Straßen aus. Wer viel Autobahn fährt oder Passagiere im Fond hat, bekommt hier genau das, wofür dieses Auto gebaut wurde.
Noch beeindruckender ist die Ruhe an Bord. Bei 130 km/h messen die Tester 63,9 dB(A) im Innenraum – ein Wert, der an klassische Luxuslimousinen heranreicht. Akustikverglasung und ein aktives System zur Geräuschunterdrückung gehören zur Serienausstattung, vom Antrieb ist weder unter Last noch beim Rekuperieren viel zu hören.
Ganz ohne Kritik geht es nicht: Über Querfugen und Kanaldeckel geht ein spürbares Zittern durch den Aufbau, was den schweren 20-Zoll-Rädern angelastet wird. Und die Fahrmodi ändern daran wenig – auch in der sportlichen Abstimmung bleiben deutliche Aufbaubewegungen. Der EL8 ist eben ein Gleiter, kein Sportgerät.
Innenraum, Raumangebot & Verarbeitung: Lounge vorn, Kompromiss hinten
Sechs Sitze in drei Zweierreihen – eine andere Bestuhlung bietet Nio nicht an. Das Platzangebot in den ersten beiden Reihen ist außerordentlich: Die Einzelsitze im Fond lassen sich für Passagiere weit jenseits der Zwei-Meter-Marke längs verschieben, die Sitzreihen steigen leicht an wie im Kino. Selbst die dritte Reihe taugt noch für Erwachsene bis knapp 1,80 Meter, was in dieser Fahrzeuggattung selten ist.
Die Verarbeitung der Karosserie bewegt sich auf hohem Niveau, oberhalb der Fensterlinie ist der Innenraum komplett mit Alcantara ausgeschlagen. Im Detail bleiben aber Kritikpunkte: knarzende Kunststoffteile am Armaturenbrett und an den Türverkleidungen, unsauber entgratete Kanten in Randbereichen. Für den Premiumanspruch, den Nio selbst formuliert, ist das nicht ganz makellos.
Der eigentliche Kompromiss ist das Gepäck. Klappt man die dritte Reihe in den Boden, entsteht eine ebene Ladefläche und ein ordentliches Volumen; sind alle sechs Plätze besetzt, bleibt dagegen wenig übrig. Die Einzelsitze der zweiten Reihe lassen sich weder umklappen noch ausbauen, ein Handschuhfach gibt es nicht, unter der Fronthaube ebenfalls keinen Stauraum. Wer regelmäßig sperrige Dinge transportiert, ist mit einem klassischen Kombi besser bedient.
Software, Bedienung & E-Funktionen: viel Technik, sperrige Menüs
Auf der Habenseite steht eine bemerkenswert vollständige Ausstattung: Wärmepumpe, Batterievorkonditionierung von Hand oder automatisch über die Navigation, Ladestopps in der Routenplanung, ein 12,8 Zoll großer AMOLED-Bildschirm mit sehr guter Auflösung und ein großflächiges Head-up-Display. Bei der Assistenz fährt Nio mit 33 Sensoren inklusive Lidar schweres Geschütz auf, und das System lässt sich per Funkupdate weiterentwickeln.
Die Umsetzung hält mit dem Anspruch nicht überall Schritt. Tester berichten, dass der Lenkassistent gelegentlich die Spur verlässt und der Abstandsregeltempomat das eingestellte Tempo überschreitet; der Aufmerksamkeitswarner neigt zur Penetranz und lässt sich nicht vollständig abschalten. Einen klassischen Tempomaten gibt es gar nicht, ebenso wenig einen Ausweichassistenten.
Der größte Kritikpunkt bleibt die Bedienung. Neben dem Fahrstufenwähler gibt es nur drei physische Tasten; Spiegel, Lenkrad, Nebelleuchten und Außenbeleuchtung wandern ins Bildschirmmenü, die Lenkradtasten sind unbeschriftet und mehrfach belegt. Das kostet Aufmerksamkeit, die auf der Straße fehlt. Und Apple CarPlay oder Android Auto sucht man komplett vergeblich – wer sein Smartphone gewohnt einbinden will, muss umlernen.
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Einordnung im Ranking
Der Nio EL8 ist ein Spezialist: Beim Federungs- und Geräuschkomfort sowie beim Platz für Passagiere spielt er ganz vorn mit, bei Bedienung, Stadttauglichkeit und Verbrauch fällt er deutlich zurück. Diese Spreizung sorgt für eine solide, aber keine herausragende Position im Gesamtfeld.
Im EV-Supertest-Ranking · Platz 42 von 123
Beim Preis wird es unangenehm: Für das Gebotene ist der EL8 sehr teuer, das Preis/Leistungs-Verhältnis fällt schwach aus – und daran ändert auch die üppige Serienausstattung wenig, weil die Batterie separat bezahlt oder gemietet werden will. Direkte Alternativen sind der Kia EV9, der mehr Varianten und mehr Nutzwert bietet, sowie der Volvo EX90; wer den Komfortfokus teilt, landet sonst schnell beim Mercedes EQS SUV oder BMW iX. Passen wird der EL8 zu Familien und Vielfahrern, denen Ruhe und Beinfreiheit wichtiger sind als Kofferraum, Handling und Bedienlogik.
Quellen
- ADAC Autotest Nio EL8 Long Range Executive (Ankerquelle, Ecotest)
- ADAC Autokatalog: Nio EL8 Long Range Executive
- EV Database: Nio EL8 Long Range
- electrive: Fahrbericht Nio EL8
- Nio Deutschland: Modellseite EL8
- AutoScout24: Nio EL8 Preise und Varianten
- carwow: Nio EL8 technische Daten
- motor1.de: Nio EL8 im ersten Test
- Autozeitung: Nio EL8 Fahrbericht
- Autogazette: Nio EL8 Fahrbericht
- Autocar: Nio EL8 Review
- auto motor und sport, Ausgabe 24/2024, S. 62-71: Vergleichstest Nio EL8 Executive gegen BMW iX M60 und Mercedes EQS SUV (Print)
Bildquellen
- NIO EL8 Aussenansicht — © NIO
- NIO EL8 Heckansicht — © NIO
- NIO EL8 Seitenansicht — © NIO
- NIO EL8 Innenraum — © NIO
- NIO EL8 Sitze — © NIO
Bewertet nach eigener Rubrik v1.0 auf Basis öffentlich verfügbarer Messdaten mehrerer Quellen. Keine eigenen Fahrtests.
